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Welpenjahr - Leseprobe
8 Lektionen
“Dieser Hund muss unbedingt etwas lernen”, sagte Herrchen.
Frauchen hatte stapelweise Bücher herangeschleppt, in denen sie eifrig
blätterte. Ab und zu warf sie mir einen kritischen Seitenblick zu.
Ich wedelte dann immer freundlich mit dem Schwanz.
“Der Hund sitzt links neben Ihnen”, las Frauchen laut.
“Sie halten die Leine in beiden Händen und gehen, mit
dem linken Fuß zuerst, los. Gleichzeitig sagen sie “Fuß”
und rucken kurz an der Leine.”Und dann?”, fragte Herrchen,
der mit halbem Ohr zugehört hatte, “warum muss der Hund
denn gerade links von mir sitzen?”
“Keine Ahnung. Auf jeden Fall gehst du los, und der Hund tut genau
das Gleiche.”
“Welcher Hund? Dieser da bestimmt nicht.” Herrchen guckte skeptisch.
“Wahrscheinlich hat der Hund das Buch noch nicht gelesen.”
Schlaues Herrchen, dachte ich schwanzwedelnd. “Die schreiben, dass
es sein kann, dass der Hund zunächst nach vorne stürmt, und man
ihn dann durch ein kurzes Rucken an der Leine zurückhalten soll”,
erklärte Frauchen, “oder einfach stehen bleiben.”
“Unser Hund stürmt nicht nach vorne”, bemerkte Herrchen
ganz richtig. “Unser Hund läuft überhaupt nicht!”
“Hier steht nicht, was zu tun ist, wenn sich der Hund stattdessen
hinlegt”, sagte Frauchen nachdenklich.
Doch ganz so leicht konnte ich mich nicht aus der Affäre winden. Sollte
ich eben zuerst etwas anderes lernen. Als das nächste Mal Futterzeit
war, stellte Frauchen den Napf nicht sofort auf den Boden, sondern hielt
ihn mir unter die Nase.
“Kira, sitz!”
Frauchen sprach dieses Wort gaaanz deutlich.
“Kira, sitz!”
Ich stand vor ihr und wedelte mit dem Schwanz, weil ich mich freute, dass
es nun etwas zum Fressen gab.
“Kira, sitz!” Frauchen beugte sich zu mir herab und drückte
mein Hinterteil behutsam nach unten.
“Brav. Kira, das ist “sitz”.”
Aha, interessant, dachte ich, wie ich so dahockte und versuchte, nicht
mit den Hinterbeinen auf den rutschigen Fliesen wegzugleiten.
“Und wozu soll das gut sein?”
Frauchen stellte nun meinen Napf auf den Boden.
“Brav. Und nun friss.”
“Sitz” heißt also, dass umgehend Futter serviert wird,
dachte ich, während ich meine Kringel verputzte. Das merkte ich mir,
und als Frauchen wieder mit dem Napf kam, setzte ich mich probeweise gleich
einmal hin.
“Brav sitz. So ist es richtig”, lobte sie und stellte mir meinen
Napf vor die Nase.
“Jetzt lass es dir schmecken.” Sehr schön. Es funktionierte!
Später hielt Frauchen mir einen Keks vor die Nase. “Sitz.”
“Was soll das nun wieder”, wollte ich wissen, “und wo
ist mein Napf?”
“Kira, sitz!”, wiederholte Frauchen und winkte mit dem Keks.
Gleichzeitig hob sie den Zeigefinger der rechten Hand. Ich dachte nach.
“Sitz” hatte ich ja schon gehört, aber was sollte das
Handzeichen bedeuten?
Probeweise setzte ich mich. Tatsächlich! Ich wurde gelobt und bekam
mein Leckerli.
“So ist es brav.”
Ich mampfte den Keks und stellte mich wieder hin.
“Kira, sitz”, sagte Frauchen abermals und hob den Finger. Ich
überlegte was zu tun war, und kam zu dem Schluss, es noch einmal mit
hinsitzen zu versuchen. Es funktionierte! Kaum saß ich, bekam ich
einen Keks und wurde gelobt. Mir war sofort klar, dass da mehr dahinter
stecken musste. Mal sehen, ob das wirklich so gut klappte. Ich stand also
auf, lief ein paar Schritte, um mich dann wieder direkt vor Frauchen hinzusetzten.
Die hat sich vielleicht gefreut!
“Ja brav sitz, Kira! Bist ein schlaues Mädchen!”
Ich bekam meinen dritten Keks. Seitdem weiß ich: Wenn ich einen Keks
möchte, dann muss ich mich hinsetzten. Meistens klappt es. Nur manchmal,
da haben die Menschen wohl gerade kein Leckerli zur Hand, da soll ich auch
ohne sitzen. Ich denke mir aber, dass es nicht schadet, ihnen hin und wieder
diese kleine Freude zu machen.
Dann meinte Herrchen, er müsse die Sache mit dem Keks, den man bekommt,
wenn man sitzt, verkomplizieren. Eines Abends, ich war gerade damit beschäftigt,
mein Kauseil zu zernagen, hockte er sich zu mir auf den Boden. Ich setzte
mich vor ihn, weil ich auf ein wenig Gebäck spekulierte. Tatsächlich
zückte Herrchen einen Keks, aber statt ihn mir zu geben, hielt er
ihn mit der einen Hand fest und streckte mir die andere erwartungsvoll
entgegen.
“Kira, gib Pfoti!”
Er blickte mich ganz gespannt an, so als ob er auf irgendetwas warten würde.
Den Keks rückte er nicht heraus. Ich versuchte, ihn mir zu schnappen.
“Kira, nein. Los, gib Pfoti!” Noch immer hielt mir Herrchen
seine Hand entgegen.
“Was willst du denn?”, überlegte ich, und stupste ihn
mit der Nase an der entgegengestreckten Hand.
“Kira, gib Pfoti!”
Herrchen nahm meine eine Pfote, hob sie hoch und legte sie in seine Hand.
“Kira, gib Pfoti!” Gleichzeitig bekam ich meinen Keks.
Das Spiel begann von vorne. Herrchen hielt mir seine Hand entgegen und
wollte, dass ich “Pfoti gebe”. Dann legte er meine Pfote in
seine Hand, schüttele sie kurz und gab mir einen Keks. Da war mir
klar, was er von mir wollte: Man bekommt nicht nur fürs Sitzen einen
Keks, sondern auch, wenn man seinen Menschen mit der Pfote anstößt.
Das ist für einen Hund eine sehr einfache Übung. Wenn ich heute
einen Keks möchte, dann setze ich mich erst einmal hin. Passiert nichts,
hebe ich eine Pfote. Meistens funktioniert es, - wirklich. Meine Menschen
lernen manche Dinge überraschend schnell.
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