Zeitschriftenartikel

 

Mythos Star Trek; 3/96; 4/96
Amnesty International; 7/96
Tatoos; 10/96
Piercing; 2/97
Anthroposophie; 3/97
Sanfter Tourismus; 7/97
Loveparade; 8/97
Beatles; 8/97, 9/97
Documenta X; 9/97
Krieg im Kinderzimmer; 2/98


Piercing - Kurioser Trend oder Ästhetik des Schmerzes ?
Immer mehr Leute entdecken heutzutage eine Art des Körperschmuckes, die bei so manchem nur Grausen, bestenfalls Verwunderung hervorruft: Piercing, - zu deutsch “Durchbohren”.

Gepierct werden vor allem Körperteile, wo Schmuck gut zur Geltung kommt: Nasen, Augenbrauen, Bauchnäbel oder auch die Zunge. Vorbei sind die Zeiten, als lediglich Ohrlöcher gestochen wurden, und Ohrschmuck bei Männern schon als anrüchig galt. Piercing bedeutet Schmuck an allen möglichen Körperteilen: Nasen werden mit Ringen verziert, Augenbrauen und Zungen werden durchstochen, Brustwarzen und Bauchnäbel gepierct und selbst Schmuck im Intimbereich ist keine Seltenheit.
Angeblich soll der Moment des Piercens ja nicht wehtun. Dennoch entsteht fürs erste eine Wunde, die entsprechend versorgt werden muß. Die Heilung für ein Zungenpiercing dauert drei bis fünf Wochen, Anschwellung und Schmerz inklusive. Ein durchstochener Bauchnabel benötigt Monate bis alles überstanden ist.
Besonders Jugendliche und junge Erwachsene haben in letzter Zeit den Trend der durchstochenen Körperteile entdeckt: eine Modeerscheinung, die Hand in Hand geht mit anderen dauerhaften Körperverzierungen wie Tätowierungen oder Branding, dem Zufügen von Brandzeichen zum Erhalt der gewünschten Brandnarbe.
Warum aber das Ganze? Lust auf Schmerz oder Ästhetik jenseits der Norm?
Natürlich, Piercing ist an und für sich nichts Neues. Bereits zu Urzeiten bemalten oder tätowierten die Menschen ihren Körper oder durchstachen Körperteile, um schmückende Gegenstände daran zu befestigen. Auch kennt schließlich jeder Bilder von riesigen Ohrlöchern oder Unterlippen mit Pflöcken oder Spießen bei manchen afrikanischen Völkern. Auch der Nasenring, der in Indien getragen wird, erregt einen eigenartigen exotischen Reiz.
Doch meist hatten diese Formen des Schmuckes magische oder rituelle Bedeutung, oder galten als Statussymbol für ihren Träger innerhalb des Stammes.
Wer sich heute piercen läßt hat natürlich auch seine individuellen Beweggründe. Piercings an sichtbaren Stellen, Augenbrauen oder Nase, unterliegen dem Trend. Auffallen, Anderssein, Dinge tun, die sich die meisten nicht trauen würden.
Schmuck, der nicht sofort ins Auge fällt, angefangen beim Zungenpiercing oder am Bauchnabel ist persönlicher. Der Träger fühlt sich besser und selbstsicherer. Warum das so ist, bleibt Geheimnis des Einzelnen. “Es fühlt sich gut an”, “man hat immer sein Spielzeug dabei” erklären junge Leute, die sich haben piercen lassen. Oder sie finden es einfach nur “geil”. Viele werden auf ihren Schmuck wieder verzichten, wenn sich die Mode ändert und etwas anderes im Trend liegt.
Aber es gibt auch die, die irgendwann einmal mit dem Piercen angefangen haben, und es dann nicht mehr lassen konnten. Dann wird im Laufe der Zeit der Körper mit immer mehr Schmuck überhäuft: eine besondere Art der Ästhetik, die nicht jedem gefällt.
Natürlich ist es wichtig, daß beim Piercing auf strenge Hygiene geachtet wird. Geräte müssen absolut steril sein, denn Piercing kommt einem Eingriff in den Körper gleich, der an medizi nischen Gesichtspunkten orientiert sein sollte. Da es in Sachen Hygiene noch genügend schwarze Schafe gibt, ist es wichtig, sich im Vorfeld sorgfältig zu informieren, wo man sich piercen läßt.
Auch der Schmuck selbst ist strengen Kriterien unterworfen. Das Material ist vielfältig: Edelstahl, Niobium, Gold oder Platin sollte es schon sein. Wichtig ist die Körperverträglichkeit, zumindest wenn es mit der noch frischen Wunde in Verbindung kommt. Für den Ersteinsatz ist nickelfreier Schmuck sogar gesetzlich vorgeschrieben, da Nickel bekanntlich Allergien auslösen kann.
Piercing ist momentan auf dem Vormarsch. Bis jetzt ist es in Amerika oder England verbreiteter als bei uns in Deutschland. Doch auch hier gibt es immer mehr Studios, die Piercing anbieten. Inzwischen gibt es Magazine, die neben Information über Piercing auch kunstvolle Bilder mit gepiercten Körpern zeigen und die ästhetische Seite dieser Schmuckform hervorheben.
Piercing ist eine Form der Körperkultur, die ganz langsam ihr skurriles Randgruppendasein verliert. Etablieren wird es sich wahrscheinlich nicht, doch da der Schmuck, der durch den Körper gestochen wird, höchstens dem Träger wehtut, kann man sich den Anblick gepiercter Augenbrauen und Nasen ruhig gefallen lassen.

Ute Izykowski
Die Glocke, 2/97

 

 
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